[Rezension] Norwegian Wood von Haruki Murakami

Norwegian Wood war der Roman, der Haruki Murakami zum literarischen Superstar machte. Und zählt nun zu einem der besten Bücher die ich je gelesen habe.

Als Toru Watanabe nach einem langen Flug nach Hamburg den Beatles Song „Norwegian Wood“ hört, werden seine Erinnerungen an die Tage als junger Student und seine Liebesaffäre mit der schönen, aber seelisch angeschlagen Naoko zurückgebracht. Toru wandert zum letzten Mal neben Naoko in den schneebedeckten Wäldern rund um die psychiatrische Anstalt, wo sie sich einer intensiven Therapie unterzieht. Kurz darauf begeht Naoko Selbstmord in dieser gefrorenen Landschaft, und während Torus Leben weitergeht, bleibt ein Teil von ihm für immer in dieser Winterlandschaft.

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Der Winter ist hier eine natürliche Metapher für den Tod. Es erinnert daran, dass der Tod natürlich und unerbittlich ist. Aber wie die jungen Charaktere es in Murakamis Meisterwerk tun, wird der Leser in eine Kultur geführt, in der der Tod versteckt und verleugnet wird.

Der Winter wirft die Welt in Kälte und Dunkelheit, friert die Flüsse ein und schickt das Leben in den Winterschlaf, bis die Sonne zurückkehrt und der Frühling die Welt auftaut. Der Tod wirft die Figuren in Norwegian Wood in die unendliche Kälte und Dunkelheit des ewigen Winters. Gefangen in diese Kultur, erkennen die Protagonisten oft nicht, welche Auswirkungen der Verlust auf ihr Leben hat. Und in dieser Kultur gefangen, können sie sich den natürlichen Prozessen der Trauer nicht hingeben und ihren Geist heilen. Selbst als älterer Mann, der über sein Leben nachdenkt, bleibt Toru Watanabe schrecklich unwissend über die Abfolge von Todesfällen und Selbstmorden, die ihn in einem Zustand der Halbwertszeit gefangen gehalten haben.

Norwegian Wood (Amazon Partnerlink) führt den Leser durch einige der dunkelsten und gefährlichsten Gegenden des Lebens – die kalten, dunklen Winterwälder des Todes und der Trauer – und das mit ganz viel Weisheit und Wärme. Murakamis Figuren erhalten immer ein Körnchen Neuanfang, obwohl es oft unklar ist, ob sie ihn pflanzen oder nicht. Toru Watanabe erhält mit der temperamentvollen Midori Kobayashi die Chance auf echtes Leben und echte Liebe, aber am Ende wissen wir nicht, ob er sie annimmt oder in Trauer weiterlebt.

Murakami bietet nur einen Weg durch den dunklen Winterwald an, er zwingt aber nicht ihm zu folgen.

Ein wunderschönes Buch, welches ich definitiv nicht zum letzten Mal gelesen habe.


4 Gedanken zu “[Rezension] Norwegian Wood von Haruki Murakami

    1. Hallo, das kann schon sein. Norwegian Wood wurde 1987 veröffentlicht. Mr. Aufziehvogel knappe acht Jahre später. Beides sind tolle Bücher und haben Murakami bekannt gemacht 🙂 VG

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